Ein treuer Blick zurück

Eine Geschichte, erzählt aus der Sicht von Ali einem pfiffigen Jack Russel.

Ein treuer Blick zurück nach vorn

AliEs gibt so Tage an denen man morgens schon weiß, dass einem heute das Glück begegnen wird. Und dieses Glück wird richtungweisend sein. Es wird vollkommen sein und zu einer Reise einladen, die man sein Leben lang nicht vergisst.
An jenem Morgen war es dunkel. Ich schlief und wurde von wunderbaren, warmen Sonnenstrahlen wach gekitzelt. Meine vier Geschwister tapsten bereits munter durch die Gegend und als ich die Augen endlich offen hatte, war mir schlagartig klar – heute ist mein Tag!

Wie immer roch es überall nach frisch gewaschenen Haaren und bunten Pflegeprodukten, denn die Frau bei der ich wohnte, arbeitete in einem Frisörladen und schnitt Ihren Freundinnen auch nach der Arbeit noch ab und zu die Haare zu Hause. Als die Tür aufging und eine frische Brise hineinbrachte, lag ich noch immer in meinem Körbchen unter dem Tisch. Und während ich erst noch richtig munter werden musste, trat eine Frau in den Friseurladen. Sie sah sich kurz um, grüßte freundlich in den Raum und dann entdeckte sie mich. Ich sah auf, sie sah mich an, dann kam sie näher.

Ali mit 11 Wochen Okt 1992Ich weiß gar nicht recht warum, aber aus irgendeinem Grund hatte ich direkt ein großes Vertrauen zu dieser Frau und als sie sich zu mir herunter, unter den Tisch begab, fasste ich mir ein Herz, taumelte noch etwas wackelig auf sie zu und sprang in ihre Arme. Sie roch hervorragend und ich fühlte mich – obwohl ich ein kleiner Jack Russel Welpe war –  pudelwohl auf ihrem Arm. So wohl, dass ich mich richtig einkuschelte und prompt noch einmal friedlich einschlief.

Ich merkte gleich, dass zwischen mir und dieser fremden Frau ein ganz besonderes Band bestand und hoffte sehr, dass sie nie wieder gehen würde. Irgendwann musste sie natürlich wieder gehen und legte mich schlaftrunkenes, kleines Ding ganz vorsichtig zurück ins Körbchen. Als sie ging wurde ich wach und hoffte von da an, dass sie bald wiederkommen würde.

Klar, sie war selbstständig, führte ein Unternehmen und hatte eigentlich keine Zeit für mich, aber irgendetwas lies sie tatsächlich ein, zwei Tage zurückkommen. Ich freute mich so sehr. Sie sprach mit der Frau bei der ich und meine Geschwister und ein schwarzer Labrador-Mischling lebten. Bei uns und den drei Kindern ging es immer laut drunter und drüber und auch viele Freunde gingen ein und aus, doch trotz des ganzen Tohuwabohus lies ich die nette Frau diesmal nicht aus den Augen. Es dauerte eine ganze Weile bis die beiden Damen endlich mit ihrem Gespräch fertig wurden und sich die nette Frau wieder zu mir drehte. In der Hoffnung, dass sie mich diesmal nicht zurücklassen würde, dass sie mich diesmal mitnehmen würde, setzte ich meinen schmachtvollsten Hundeblick auf – den hatte ich in der Wartezeit trainiert – und siehe da, es hat geklappt!

AliDas muss alles so kurz vor Weihnachten gewesen sein, denn ich erinnere mich noch genau, dass mir die liebe Frau gesagt hat, dass sie mich nur mit Vorbehalt mitnimmt um zu sehen ob wir uns auch gut verstehen. Nach Weihnachten sollte dann entschieden werden. Mir war das egal, ich war mir sicher, würde sie mich erst einmal kennenlernen, dann wäre die Sache schon geritzt.

Zuhause angekommen stellte ich fest, dass auch mein neues Frauchen einen Laden hat. Einen mit einer Türglocke. Und wenn Fremde reinkommen, dann läutet die Glocke. Sie läutet damit ich meinem Frauchen nicht Bescheid sagen muss, wenn neue Kundschaft da ist. Da die die Fußpflegepraxis mit in der Wohnung war, haben wir das trainiert. Mein neues Frauchen wollte nicht das ich belle wenn die Glocke läutet, auch nicht das ich die Kunden gleich begrüße, ich hielt mich dran und es klappte auf Anhieb gut.

Dann zeigte sie mir die große Wohnung und meinen Schlafplatz. Mein Körbchen stand im Schlafzimmer genau neben dem Bett. Das fand ich prima, konnte ich doch so immer bei meinem neuen, zugegebenermaßen etwas kleineren Rudel sein. Aber das war mir recht, denn es bedeutete mehr Aufmerksamkeit und mehr Liebe für mich!

Ali auf dem SofaNatürlich durfte ich nicht ins Bett, dafür hatte ich ja mein Körbchen, aber wenn Kundschaft kam und mich keiner beobachtete, dann testete ich doch ab und zu mal die Matratze. Ich sprang am Bettende hoch, krabbelte ganz vorsichtig von unten durch die Decke und legte mein Köpfchen dann auf das frisch aufgeschüttelte Kissen. Herrlich war das, so herrlich dass ich ab und zu einschlief. Natürlich erntete ich dann einen kurzen strengen Blick, aber wenn ich dann meinen süssesten Hundeblick aufsetzte und am Abend nicht jammerte, war wieder alles gut.

Alles in allem war ich also im Paradies gelandet. Es war eine große Wohnung, ein tolles, ganz und gar nettes Frauchen und sobald der letzte Kunde verschwunden war, war ich da und es ging raus in die Wälder. Manchmal auch schon in der Mittagspause.

Ali der FlinkeDer Wald war dann das Paradies Nummer II. Überall flogen Blätter und Vögel durch die Luft, dann raschelte es mal im Busch und wenn ich richtig Glück hatte, trafen wir zwei noch ein anderes Pärchen. Mein Frauchen konnte dann ein bisschen quatschen, während ich mit dem anderen Hund wie wild rumtoben durfte. Auf dem Nachhauseweg lobte mich mein Frauchen dann immer, dass ich brav und lieb gewesen sei und dass sie viel Spaß hatte. Ich gab dieses Kompliment immer gern zurück.

Neben dem Wochenenden, an denen wir den ganzen Tag zusammen sein konnten, wartete jeden Mittwochabend der nächste Knüller auf uns – die Hundeschule. Ich liebte die Hundeschule. Sie war einfach großartig und ein riesiger Spielplatz voller Hunde, Aufgaben und netter Menschen. Ich war zwar immer der Kleinste, aber dafür war ich clever und unermüdlich. Ich lernte die Aufgaben viel schneller als die anderen und wenn wir danach rumtoben durften, hatte ich stets den längsten Atem.

Nur das Wetter machte uns manchmal einen Strich durch die Rechnung. Nicht das wir bei starkem Regen daheim geblieben wären, aber irgendwie mochten mein Frauchen und ich diese furchtbar kalten Duschen nicht so richtig. Und wenn ich bei der Hundeschule dann auch noch »Sitz!« und »Platz!« machen musste, mich also mit meinem ganzen Körper auf den nassen, kalten Boden legen sollte, dann wurden wir beide manchmal etwas belächelt, weil ich das gar nicht einsah. Bei zwei Zentimeter über dem Boden war bei mir Schluss, tiefer wollte ich nicht, das war mir eindeutig zu kalt. Die anderen scherzten meinem Frauchen zu, sie solle mir eine Decke drunter legen und so, aber sie nahm das cool. Und wenn es auf unseren langen Spaziergängen einmal regnete, dann machte sie mir ein bisschen Platz unter dem Regenschirm und konnte mich, so glaube ich, sehr gut verstehen. Wir waren ein großartiges Team.

AliUnd weil ich immer so gut hörte und artig war, durfte ich fast immer ohne Leine laufen. Ein Meter links, einen rechts, zwei vor und zwei zurück – es klappte einfach prima … bis zu einem Ausflug an einem Wochenende. Wir beide mochten es sehr zu Wandern, also liefen wir auch oft auf neuen Wegen und durch unbekannte Wälder und Felder.

Normalerweise habe ich schon Lust, wenn ich ein Reh, Fuchs oder Hase sehe, mal richtig hinterher zu rennen und mir einen kleinen Spaß mit dem Bambi oder so zu erlauben, aber wenn mein Frauchen »zurück!« ruft, dann bleib ich stehen wie ein Bock und komm zu ihr zurück. Ich hab ihr von Anfang an vertraut, sie würde wissen was das Beste für mich ist.

Ali mit FrauchenDoch an diesem Tag waren die frechen Flausen in meinem Kopf einfach zu groß. Es war kein Reh, es war ein Eichhörnchen was auf einmal meinen Weg kreuzte. Da musste ich natürlich hinterher. Ich rannte und rannte und auf einmal sprang es nach ob in einen Ast und ich hinterher. Doch der Ast war leider nicht so stabil und ehe ich mich versah stürzte ich einen Abhang hinunter. Ich hörte mein Frauchen noch schreien und rennen und plötzlich, kurz über einem reißenden Wildbach, konnte ich mich an einen Baumstumpf klammern. Nun war mir mein Herz doch schon ganz schön in die Hose gerutscht und ich wusste nicht mehr was ich noch tun sollte.

Ängstlich sah ich nach oben zur Kante und dann sah ich sie. Mein Frauchen ganz aus dem Häuschen und aufgeregt schmiss sie sich bäuchlings auf den Boden und streckte mir ihre Hand entgegen. Leider reichte sie nicht bis runter und nachdem sie mich erst mit ganz sanfter Stimme beruhigte, schrie sie plötzlich »spring!«. Und ich sprang. Sie fasste mich und rettete mich. Meine Heldin. Auf dem Nachhauseweg waren wir beide ganz schön froh mit dem Schrecken davon gekommen zu sein.

Juli 1996 in Interlaken auf dem CampingSo war es jedenfalls. Wir erlebten tausende von Abenteuern. Manchmal fuhren wir mit dem Wohnwagen nach Interlaken auf den Campingplatz, liefen den halben Tag durch den Wald und sonnten uns die andere Hälfte in unserem Liegestuhl. Manchmal ging mein Frauchen Tauchen und ich wartete im Auto. Oft versuchte sie mich auch mitzunehmen, wenigstens auf eine Runde Schwimmen im See, aber so richtig war das nichts für mich. Ich mochte das Wasser nicht – egal ob von oben oder von unten. Gut, eigentlich mochte ich Wasser schon und spielte mit Hölzern und Stöckchen im flachen See, nur schwimmen war nicht so mein Ding. Lieber saß ich am Rand und schaute meinem Frauchen zu.

16 Jahre lang machten wir alles gemeinsam. Eigentlich durfte ich überall mit hin und war immer an ihrer Seite. Ich bin sehr dankbar dafür. Und auch wenn ich zum Schluss als alter Zottel nicht mehr ganz so viel Energie hatte, langsam langsamer wurde und mich nicht mehr so gut orientieren konnte – sie war da. Sie war immer da und versorgte mich.

Ali mein Jack-RusselSelbst als zum Schluss meine Blase nicht mehr richtig funktionierte und ich gar nicht merkte, dass ich ab und zu versehentlich in die Wohnung pinkelte, nie schimpfte sie wirklich böse, immer war sie für mich da. Natürlich musste ich ihr im Gegenzug dafür ein bisschen entgegen kommen, aber was tut man nicht alles aus Dankbarkeit und Liebe. Ich, ein immer noch stolzer Jack Russel namens Ali trug zum Schluss Pampers. Es machte mir nichts aus, ich war inzwischen weise und wusste, dass es so für alle am besten wäre. Dumm nur, dass mich mein Orientierungssinn irgendwann ganz im Stich ließ und ich nachts mein Körbchen nicht mehr wieder fand. Mit einer Engelsgeduld – ganz gleich zu welcher Uhrzeit – kam die Heldin meines Lebens und brachte mich zurück.

In meiner letzten Nacht ging es mir besonders schlecht. Ich war aufgewühlt und konnte nicht schlafen, daher holte mich mein Frauchen zu sich ins Bett und streichelte mich so lange, bis ich endlich einschlief.

AliDer Morgen danach war wieder einer jener Tage, an denen man schon zu Beginn weiß, dass er besonders wird. Dass man seinem Glück begegnen wird, dass es vollkommen und richtungweisenden aussehen wird. Auf ganz wackligen Beinen genoss ich noch einmal die warmen Sonnenstrahlen auf der Terrasse. Mein Frauchen schaute mich an und sprach mir aus der Seele. Sie kannte meine Gedanken. Ich wollte nicht mehr und ich konnte auch nicht mehr. Ich hatte genug und sie hatte verstanden. Wie selbstlos von ihr.

Sie ging zum Telefon, rief den Arzt und unsere beste Freundin Martha an, die uns oft nach Interlaken begleitete und auch sonst gern mit mir Spazieren ging. Kurze Zeit später fuhren wir drei dann zum Arzt. Martha ging hinein und so lange sie alles klärte, sassen wir zum letzten mal gemeinsam noch eine Zeit lang alleine im Auto. Ich hörte Frauchens sanfte Stimme und fühlte mich so geborgen und wohl, da wollte ich nur noch schlafen und ihre Wärme spühren.

So wie unsere Bekanntschaft begann, so endete sie auch. Ich, friedlich schlafend auf ihrem Arm.

…durch die Tierkommunikatorin – Ein offener Brief von Ali